Taoismus und Natur

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Capras widersprüchliche Deutung
Das Tao wird von ökologischen Denkern oft als vorbildhaft dargestellt. Eine zentrale Rolle spielt hier der Titel des Capra-Buches “Das Tao der Physik” und seine Erläuterungen in “Wendezeit. Bausteine für ein neues Weltbild” (1982, aktualisiert München 1991). Die dort formulierten Auffassungen werden von Autoren wie Bosselmann in “Im Namen der Natur” (München 1992) weiterverbreitet. Auf diesem Rezeptionsweg geht verloren, daß das Interesse am Tao im Rahmen der Hippiekultur der 60er Jahre entstand. Damals suchten die jungen Menschen nach Alternativen zur Haltung der kalten Krieger, zur kapitalistischen Ellenbogen-Gesellschaft und zu den als verlogen gewerteten christlichen Moralvorstellungen. In den pazifistischen und nicht-anthropozentrischen Konzepten von Buddhismus, Taoismus oder Zen glaubten sie sie gefunden zu haben – selbst wenn sie diese nur aus den Romanen von Hermann Hesse kannten. Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den östlichen Philosophien fand nur selten statt.
Tao ist nicht gleich Tao. So wird der Begriff des Tao nicht nur von den Taoisten, sondern auch von deren Gegnern, den Konfuzianern,  besonders im Neukonfuizianisms (ab ca. 1100 n.Chr.) verwendet. Dort dient es als einigendes Prinzip hinter dem Dualismus von Form und Stoff (Zhu Xi: 1130-1200). Dieses Tao weist nicht “zurück zur Natur”, sondern zurück in eine moralisch bessere gesellschaftliche Vergangenheit, als deren Endpunkt Konfuzius gesehen wird.
Trotz der gänzlich unterschiedlichen Ziele, wird in den ökologischen Texten meist nicht auf den Unterschied zwischen taoistischem und konfuzianistischem Tao geachtet. Dafür verantwortlich ist nicht zuletzt Fritjof Capra , der  maßgeblich dazu beigetragen hat, das harmonischere östliches Denken als positives Gegenbild zum naturfeindlichen westlichen Rationalisums aufzubauen. Am chinesichen Denken interessiert ihn vor allem, daß hier Entwicklung als kontinuierlicher Prozeß gesehen wird und nicht als Abfolge einenander entegegengerichteter Revolutionen:
“Für die chinesischen Philosphen war die Wirklichkeit, deren innerstes Wesen sie  Tao nannten, ein Prozeß kontinuierlichen Fließens und Wandels. (…) Alle Entwicklungen in der Natur – die physischen ebenso wie die psychischen und die gesellschaftlichen – laufen zyklisch ab. Die Chinesen gaben dieser Idee durch Einführung der polaren Gegensätze Yin und Yang eine definitive Struktur (…)” S. 32
Das Begriffspaar Yin und Yang, auf das sich Capra in diesem Kapitel ständig beruft, stammt nicht aus dem taoistischem Gedankengut, sondern aus dem I Ging, dem Buch der Wandlungen, das von Konfuzius herausgegeben wurde. Der große Morallehrer nimmt  eine bisher gemeinsame Tradition in den Dienst seiner Wertevorstellungen. Das Tao te king dagegen beruft sich an keiner Stelle auf das I Ging.
Die  Beziehung von I Ging und Taoismus ist Capra durchaus klar, nur legt er darauf keinen Wert. Für ihn ist das Tao hier lediglich ein Konzept, das er aus dem Blickwinkel, des seiner Meinung nach maßgeblicheren I Ging betrachtet:
“Wo immer in diesem Buch kulturelle Werte und Verhaltensweisen erörtert werden,  soll es innerhalb eines theoretischen Rahmens geschehen, der in allen Einzelheiten im I Ging entwickelt wurde und die eigentliche Grundlage des chinesischen Denkens bildet.” S. 31
Capra setzt das Yin und Yang dem dialektischen Geschichtsprozeß der Marxisten entgegen, weil die östliche Konzeption des Wandels den fließenden Übergang von einem Wert in den anderen betont und nicht die inneren Konflikte, die den Widerspruch in Form einer Antithese hervorrufen.
“Die Dynamik des Wandels besteht im dialektischen Wechselspiel von Gegensätzen, die sich aus den allen Dingen innewohnenden Widersprüchen ergeben” (S. 30) “Die Rolle von Kampf und Konflikt scheint mir hier übertrieben, weil übersehen wird, daß jeder Kampf  in der Natur innerhalb eines größeren Zusammenhangs von Kooperation stattfindet. (…) Deshalb glaube ich, mehr der Weltanschauung des I Ging als der marxistischen folgend, das Konflikte in Zeiten gesellschaftlichen Wandels möglichst niedrig gehalten werden sollten.”
Aus Sicht des Taoismus und zum Teil auch aus der des Konfuzianismus problematisch ist, daß Capra Wandel wesentlich als gesellschaftliche Veränderung sieht. Für Taoisten und Konfuzianer findet Wandel aber zuallererst durch eine Art “Selbstfindung” im einzelnen Menschen statt. Während dieser Lernprozeß bei den Konfuzianern aufgrund ihrer Grundhaltung zwangsläufig in pflichtbewußtem Handeln für die Gesellschaft mündet, gelangt ein Taoist zum Ideal des Wuwei, des Nichthandelns. Damit ist nicht “Nichtstun” gemeint, sondern:
“Laß zu, daß alles tun kann, was es von Natur aus tut, so daß es seine Natur erfüllen kann”.
Eine gesellschaftliche Verantwortung ist aus dieser Deutung jedoch nur abzulesen, wenn es zur Menschennatur gehört, ein zoon politicon zu sein, was die Konfuzianer – analog zu Aristoteles – anzunehmen scheinen. Das gilt nicht für die Taoisten, deren große Lehrer in der Regel als Eremiten gelebt haben. Sie lehnen Gesellschaften vielmehr als unnatürlich ab, weil es darin immer Herrscher und Beherrschte gibt.
Abschließend läßt sich zu Capra sagen, daß er sich nicht auf den Taoismus berufen kann, wohl aber – wie er auch selbst einräumt – auf das I Ging, in dem auf mystischer Ebene sowohl gesellschaftliche als auch Naturwerte behandelt werden. Der häufige Hinweis auf das Tao in der ökologischen Diskussion scheint daher auf einer Verwechslung zwischen dem Tao der Taoisten und dem der Konfuzianer hinzuweisen.
Während Capra das Tao des I Ging vor allem als Gegenkonzept zur marxistischen Geschichtskonzeption der Dialektik anbietet, sieht der Historiker Nash darin vor allem eine Alternative zu christlichen Naturkonzeptionen.  Er weist darauf hin, daß das Christentum beim Anti-Establishment der 60er diskreditiert war, und deren Vertreter deshalb begierig nach östlichem Gedankengut griffen.
Was die Naturvorstellung betraf, so wurden der christliche Dualismus und Anthropozentrismus abgelehnt. Östliches Denken, gleichgültig ob Taoismus, Buddhismus oder Zen, orientierte sich vielmehr an der Einheit der Natur.
Mit diesen Hinweisen soll das Interesse für östliche Denkweisen keineswegs als Hippie-Mode abgetan werden. Natur, so die daraus resultierende Überzeugung der 68er Generation durfte sich weder zum Gegenstand degradieren noch entweihen und schon gar nicht benutzen lassen. All das wurde ihr im Namen des Christentums angetan, so daß die Kirche es heute schwer hat, sich als ökologisch bewußt darzustellen – von den theoretischen Problemen einmal ganz abgesehen.
Wichtig für die Ökologie war also nicht die reine Lehre zum Beispiel des Taoismus, wie so manche Autoren glauben machen wollen, weil sie die Glaubwürdigkeit ihrer Ansichten gerne durch die Nennung großer Namen wie Laotse oder Buddha stützen. Von Bedeutung war damals vielmehr, daß sich die Gedanken für die Auseinandersetzung mit der Welt der Erwachsenen nutzen ließen. Weniger das Tao als die Unzufriedenheit der 60er-Generation hat dadurch erreicht, was Nash folgendermaßen ausdrückt:
“Durch das Propagieren einer Eingliederung des Menschen in das umfassendere organische Ganze, bahnten sie den intellektuellen Weg zu einer ökologischen Ethik.” S. 113
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Über den Autor

Ich bin freiberuflicher Autor und schreibe oft Artikel zu Umweltschutz, Natur, Zukunftsentwicklungen und für diverse Blogs.

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